Die Sprachverfälschung

Kennst du jemanden, der schüchtern ist? Ja?

Aber woher kommt der Begriff? Von Schucht?

Bist du nochmal glimpflich davon gekommen?

Aber was ist ein Glimpf?

Wieso nennen wir etwas preisgünstiges "billig" oder nennen sogar eine charakterlose Art oder einen primitiven Trick "billig".

Wo Bill doch ursprünglich Gesetz heißt. Aber Bill und Unbill finden wir nur noch in verstaubten Gesetzebüchern; in einem alten Gedicht wäre Unbill schon eher ein Unglück, eine Bedeutung, die selbst nicht mehr ursprünglich ist.

Wenn ich mich nicht unflätig benehme, sondern flätig, ist das dann ok.?

Was aber ist Flat?

Darf ich eure Fragen wirsch beantworten und wenn ich jemandenen verglimpfe, ist er dann froh?

Hast du schon einmal geschuftet? Warst du da ein Schuft?

Wir wollen in diesem Artikel die Frage beleuchten, was die Sprachentwicklung für katastrophale Missverständnisse hervorgebracht hat und welche Folgen das beim Lesen, Übersetzen und Verstehen alter Schriften hat.

Nehmen wir das Wort "herablassend". Es gibt kaum ein Wort, das uns deutlicher eine arrogante Art beschreibt von jemandem, der höher, besser oder reicher ist als ich und mich das mit seinem Gehabe spüren lässt.

Wir stellen uns hier bildlich einen dümmlichen und fettgefressenen Landesfürsten im 16. Jahrhundert vor, der vor Standesdünkel kaum noch richtig gehen kann und mit einem Untertanen redet, als wenn der Dreck wäre.

In diesem Licht wird oft eine Beschreibung Kaiser Barbarossa zitiert:

"Er war sehr herablassend ...".

Den zweiten Teil des Satzes lässt man dann weg. Der Satz geht weiter:

"[Er war sehr herablassend] und war deshalb beim Volk sehr beliebt."

Wie das? Das Wort "herablassend" war damals nicht negativ belegt. Ob Begriffe negativ, positiv oder neutral sind, ist ja durchaus eine Frage der Mode oder des Zeitgeistes!

Unter "herablassend" verstand man damals, dass einer höheren Person kein Zacken aus der Krone fiel wenn er sich mit Untergebenen unterhielt und dass somit ein ganz natürliches Gesprächsverhältnis -sozusagen von Mensch zu Mensch- entstand.

Eben gerade nicht arrogant und "von oben herab" bedeutete früher "herablassend".

Später, als dieser Begriff dann durch verkehrten Gebrauch verbogen wurde, kam die negative Bedeutung hinein.

So kann man nun durch einen Halbsatz einen Kaiser in Verruf bringen.

Ein weiteres schönes Beispiel dafür lesen wir in

"Wilkina- und Niflunga- Saga oder Dietrich von Bern und die Nibelungen" Übersetzung von Friedrich Heinrich von der Hagen, Breslau | Erscheinungsjahr: (1814) | Verlag: Jospeh Max und Comp.

... hatte eine Tochter, die hieß Hildeswid; sie war die Schönste aller Jungfrauen und die geschickteste in allen Dingen, welche ihr besser waren zu wissen als zu missen. ... und alle die Burgleute lobten sie wegen ihrer Schönheit, Anstand, Milde, Herablassung und Tugenden aller Art.

S. 3 und 4

und über den Ritter Samson:

"So dass seine Tugenden in allen Dingen vortrefflich waren vor jedem Mann zu jener Zeit . Er war sehr jähzornig, und dennoch liebreich und herablassend zu allen Leuten, Reichen und Armen, so daß er mit jedermann freundlich sprach, und keiner war so geringe, daß er ihn verachtete. Er war weise, gründlich und sehr vorbedächtig. Auch war er milde und freigebig ..."

S. 5

Heute würde man denken, das wäre ein Druckfehler; aber nein, unsere Sprache wurde mit der Zeit korrumpiert und wegen der Einflechtung von Sensibilitäten in Verbindung mit sg. Ironie ins Gegenteil verdreht.

Diese Methode kann beliebig angewendet werden. Eine Sprache, deren einzelne Wörter früher etwas anderes bedeuteten, muss mit aller Sorgfalt und mit Bedacht angewendet werden, gerade wenn es um alte Schriften geht.

Kaum jemand kann verstehen, warum Jesus zu seiner Mutter gesagt hat "Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?".

Aber der Grundfehler ist, die heutige Färbung solcher Worte hineinzudeuten und zusätzlich den Wechsel des Wortes Weib zu Frau zu nutzen. "Weib" war das normale Wort für weibliche Menschen und "Frau" war ein Titel wie "Baronin". Kein Mädchen wäre sauer, als weiblich bezeichnet zu werden. Warum ist also Weib ein negatives Wort.

Aber so wird die Sprache forciert verbogen und wir merken es ja nicht, da wir in das System hineingeboren sind.

Normale Fragen wurden zu alten Zeiten nicht automatisch mimosisch empfunden. Wenn man also früher zu einem Kollegen sagte: "Wie lange dauert es noch, bis du den Tisch fertiggestellt hast?", dann hat er gesagt "Drei Stunden wirds noch dauern"; und nicht -als kritisiere man die Dauer- "Ich kann doch nicht hexen, ich hab auch nur zwei Hände".

Erst wenn man Sinn und Intention früherer Aussagen ohne unsere heutigen Be- und Empfindlichkeiten versteht, wird man immer mehr lernen, dass Jesus seine Mutter etwas gefragt hat und sie nicht beleidigt. "Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?" (Joh. 2, 1-12).

Sprachverfälschung, Sprache, Wandel, Änderung, Bedeutung